Vorbereitungen

Unsere Reise nach Boulder beginnt natuerlich schon vorher mit vielen Vorbereitungen.

Im Mai haben wir nach einer Wohnung gesucht. Zuerst fanden wir ein nettes Haus, welches aber erst ab Oktober frei ist. Also brauchten wir fuer die sieben Wochen vorher auch noch eine Bleibe. Das war garnicht so einfach, den Vieles war einfach nur teuer. Dank der Hilfe vom NCAR , es gibt Listen mit freien Wohnungen und Zimmern, und der Vermittlung einer Vermieterin haben wir jetzt eine kleine Kellerwohnung fuer die ersten Wochen.

Die Wohnung musste in einem bestimmten Schulbezirk liegen. Erst nachdem wir die Adressen hatten, konnte ich M fuer die Schule einschreiben. Tja, in Boulder waren seit Ende Mai Ferien und so brauchte es bis in den August, bis wir was von der Schule hoerten. Den Englischtest haben wir dank eines freundlichen Menschen in der Schulbehoerde umschifft. Nun versucht M gerade die lange Liste der moeglichen Kurse zu studieren. Zum Glueck kann sie sich Hilfe bei Freunden holen. Gestern hat sie ein Mathebuch studiert, um zu sehen was sie evtl koennen muss. Bis auf einige Kleinigkeiten war ihr Alles bekannt. Mathe scheint an der Fairview noch sehr viel mehr Mathe zu sein und weniger Rechnen als es hier der Fall ist. Das sah gut aus, bis auf die Einheiten: mph, feet und Alles durcheinander, Miles in Fuesse umrechnen usw. Was haben wir es doch einfach mit m, cm, mm.

Erste Tage in Boulder

Vor genau einer Woche habe Mimi und ich uns auf den Weg nach Boulder gemacht. Es ging mittags in Hamburg los, nachmittags mussten wir in Reykjavik umsteigen und gegen 17h Ortszeit sind wir in Denver gelandet. Die Einreise ging problemlos. Statt vieler Fragen bekamen wir die dringende Empfehlung den Rocky Mountains National Park zu besuchen. Das war vermutlich mein Geburtstagsgeschenk. Simone und ihre Tochter, G, haben uns abgeholten und nach einem kleinen Einkaufstop in den Heidelberg Drive gefahren. Dort warteten Stan und Sally auf uns.

Der erste Morgen, Samstag, begann mit einem Plausch mit Stan. Mimi schlief seelig bis 9.30h. Das hat sie noch nicht wieder geschafft aber an Schultagen muss sie auch um 6.30h aufstehen. Nach dem Fruehstueck ging es mit dem Rad zum Farmers Market und fuer erste Einkaeufe zu Sprouts, Macy und Co. Wir haben uns dann gerade rechtzeitig in der Hitze und muede den Berg hochgekaempf, um noch eine kleine Schaufpause zu haben. Gegen 4.30 hat Simone uns zum BBQ abgeholt. Es wurde dann eine richtige Geburtstagsparty fuer mich mit Freunden und Kollegen und einem Geburtstagskuchen! Den haben wir am naechsten Tag zu Viert bei uns im Garten aufgegessen. Sonntag war deutlich ruhiger mit Einkaeufen und ersten Kochexperimenten.

Dann kam der erste Tag an der Fairview. Um 8.30 hatte Mimi einen Termin beim Councelor wo sie eine kurze Einfuehrung in die Schule bekam. Dann begann der Unterricht. Bisher staunt Mimi ueber sich selber, denn Latein, English Language Art und Public Speach sind ihre Favoriten. Mathe ist auch nicht schlecht, der Chemieunterricht hingegen nicht sehr spannend. Der Lehrer ist anscheinend sehr genau und achtet pingelig auf korrekte Hefte und Mappen. Gestern gab es ein F, vermulich weil ein kleines Heft auf dem Tisch lag und nicht im Folder, weil Trennblaetter im Folder fehlten und Gruende die Mimi nicht kennt. Wenn man seit Jahren lernt fuer seine Heftfuerung selber verantwortlich zu sein, dann ist solch ein Formalismus schon komisch. Ohne Gs Anleitung beim Einkaufen am Sonntag haette Mimi nicht einmal einen Folder gehabt. In Public Speech gab es das F schon in Mimis 1. Stunde fuer ein fehlendes Heft. Da will Mimi aber noch mit der Lehrerin reden, denn das kommt ihr ganz seltsam vor. Dann haben wir uns zwei Abende mit der Frage beschaeftig, ob und wie sie sich fuer Cross Country anmeldet. Jetzt ist die Entscheidung aber doch fuer 'so viel wie moeglich' Judo gefallen. Mit XC waeren es nur 2 statt 3 Einheiten geworden. Laufen kann sie auch mal alleine oder wir gehen zusammen Schwimmen.

Dank Simone hatte ich schnell ein vernuenfiges Rad, um zum NCAR zu radeln. Es sind 30min Hinweg und 45min Rueckweg, davon 10-15 min fuer die letzten 2 km. Mein erstes Problem im Buero war ein vernuenftiger Stuhl, denn mir taten sehr schnell die Schultern weh. .. geloest... Sonst versuch ich langsam wiede in die Arbeit zu finden, unsere Handys mit Us Nummern zu versehen und anzumelden. Meines ist jetzt OK, Mimis geht leider noch immer nicht. Leider ist die notwendige Webseite fast nie erreichbar und wenn, wird die benoetigte SMSs nicht geschickt. Mit solchem technischem Zeug vergeht abends viel Zeit.

 

 

September

2. Woche

Mimi ist gluecklich, endlich wieder Judo! Sie war diese Woche bereits drei Mal beim Judo und es hat ihr gut gefallen. Vernuenftiges Training nur fehlt leider ein in Groesse und Gewicht passender Partner. Das Dojo ist in einem Ladengeschaeft untergebracht mit grossen Fenstern zur Strasse. Die Scheiben sind aber schnell beschlagen so dass man von aussen nicht viel sieht.

In der Schule ist weiterhin einiges gewoehnungsbeduerftig. Immerhin freut sich der Chemielehrer sein 'rusty German' mit Mimi anwenden zu koennen. Als er merkte, dass auch Gwen deutsch sprich war er ganz begeistert: "Dann koennen wir ja zu Dritt deutsch sprechen und die Anderen verstehen uns nicht!" Mittwochs wird die Doppelstunde Chemie fuer Experimente genutzt. Mimi hat jetzt einen Penny ohne Zinkanteil, nur noch die Kupferhuelle ist vorhanden. Unseren Versuch ein paar Luecken in Mathe zu fuellen fand mein Labtop nicht so witzig. Vermutlich muss ich einen neuen kaufen. Immerhin ist so ueber das Wochenende das Handy gut genutzt worden. Die Autokorrektur ergibt wirklich witzige Saetze!

Am NCAR versuchen wir erste Modellvergleiche und Datenaustausch. Mal sehen wie die Ergebnisse durch Ozon beeinflusst werden. WACCM rechnet inzwischen mit Aerosolen und Chemie. Dadurch ist auch eine Kopplung mit Ozon moeglich. Mittwoch war Party bei Mike, denn Anja hat sich verabschiedet. So ist die deutsche Fraktion etwas kleiner geworden. Mittags sind die Europaerer aber weiter haeufig in der Ueberzahl.

Samstag haben wir wieder Fahrradlaeden unsicher gemacht. Mein geliehener Gepaecktraeger brauchte eine andere Befestigung. Die Jungs bei University Cycles waren kompetent und schnell. Schicke Raeder hatten sie auch, doch leider immer ohne Licht. Sonst wuerde ich doch noch darueber nachdenken eines zu kaufen. Abends haben wir dann den Gepaecktraeger angebracht und Mimi hat zum 2. Mal Broetchen gebacken, dieses Mal Kartoffelbroetchen. Der Teig sollte 10 Stunden gehen und war deutlich luftiger als der 1. Versuch.

Die Broetchen haben wir am Sonntag mit in die Berge genommen. Zusammen mit Simones Familie waren wir in der Indian Peak Wilderness und sind zum Lake Isabelle gelaufen. Es war eine angenehme Wanderung in toller Landschaft. Die Streifenhoernchen (chipmunk) fanden Mimis Broetchen fast so gut wie wir. Die Hoehe hat mir aber doch etwas zugesetzt. So war es gut. dass wir nachmittags wieder in Boulder waren. Am Laborday wollten wir eigentlich dem Duckrace zusehen. Es war aber so warm, dass wir keine Lust mehr hatten darauf zu warten. Die Mittagspause am Boulder Creak war jedenfalls auch ohne Bad erfrischend.

Vierbeiner und andere Lebewesen

Wenn wir zum Fruehstueck oder zum Abendessen im Garten sitzen, ist die Natur viel praesenter als in Hamburg. Fuer Squirrels sind die Stromleitungen die Fusswege und Praeriehunde leben neben dem Radweg. Solange sich das Rad bewegt lassen sie sich nicht stoeren aber wehe man moechte sie fotografieren! Dann wird gerannt und gepfiffen was das Zeug haelt. Abends geben die Grillen ein so lautes Konzert, dass es viele Alltagsgeraeusche ueberdeckt. Viele Voegel hoeren wir nur, manche lassen sich sogar fotografieren. In den ersten Tagen haben wir diskutiert, ob in der Nachbarschaft eine Katze ins Haus moechte oder ob ein Vogel ruft. Es war doch ein Vogel. Dafuer strich neulich beim Fruehstueck die Nachbarskatze ploetzlich um meine Beine. Gut, dass mir das sofort bekannt vor kam. Sonst haette ich mich sehr erschrocken. Der schwarze Stubentiger mit weissem Laetzchen machte sich schnell auf in die Wohnung und ich konnte ihn gerade noch erwischen bevor er unter dem Bett verschwunden waere.

Gestern Abend wurde Mimi durch scharren und knacken aufmerksam. Ploetzlich rief sie erschrocken: "Da sind zwei Waschbaeren!" Diese schauten gerade um die Hausecke und verschwanden schnell wieder. Mimi stuerzte in die Wohnung um Fenster und Tueren zu schliessen. Als sie gerade wieder nach draussen zum Kuscheln kam wurde es wieder lauter. Ploetzlich tauchte der erste Waschbaer hinter dem Haus auf, dieses mal oben auf dem Zaun. Schnell folgte Nummer Zwei und Drei, die hinter ihrer Mutter auf dem Zaun entlang balanzierten. Nummer Vier war etwas langsamer und als Mimi gerade wieder Luft holen wollte, tauche der fuenfte Waschbaer auf.  Jetzt konnte ich sie kaum noch fest halten, so erschrocken war sie. Doch waere sie aufgesprungen, haette sie das Schauspiel beendet. So zog die Mutter mit ihren vier Jugendlichen unbeeindruckt in 4m Entfernung an uns vorbei. Wir hoerten es noch eine Weile rascheln, ein Hund bellte und dann war alles ruhig. Dazu muss man sagen, dass hier vereinzelt auch groessere Vierbeiner in die Siedlung kommen - Pumas. Sie folgen den Waschbaeren und werden selten gesichtet. Manchmal finden sich aber die Ueberreste anderer Tiere. (Gestern Abend, 20.Sept, sass ich gegen 22h alleine draussen. Erst lief ein Waschbaer ueber den Zaun, wenige Minuten spaeter tauchte die ganze Familie im Garten auf.  Fuenf Waschbaeren waren zum Greifen nahe. Sie schnueffelten irritiert, doch erst als einer an meinem Fuss roch - iiii- nahmen sie mich richtig wahr und verschwanden schnell ueber den Zaun.)

Sonst war das Wochenende ruhig. Samstag sind wir zum Royal Arch hinauf geklettert, am Freitag wurde Gwen in Doppelkopf eingefuehrt. Unter der Woche haben mich alte und neue Labtops beschaeftigt und Mimis Chemielehrer war etwas besorgt und wollte sich mit uns unterhalten. Das war sehr nett. Jaja und wir koennen gut laestern ueber Fuesse, Inch und Meilen aber Mimi und Gwen habe es beide nicht fehlerfrei geschafft kg in mg umzurechnen! Diese 10er-Potenzen! Inzwischen weiss Mimi vieles an der Klosterschule noch mehr zu schaetzen, z.B. die Pausen. Hier hat sie 5x 50min Unterricht mit jeweils 5min Pause, dann Mittagspause, eine Freistunde und noch mal 50 min English Language Art (LA). Dort sitzt sie jetzt neben einer Muenchenerin. Sie ist mit ihrem Vater hier, der hier am NOAA arbeitet. Es kommen also noch mehr Leute auf diese Idee!

Boulder und Sport

Wer lieber Winston Churchills Haltung zu Sport folgt, fuer den ist Boulder vermutlich der falsche Ort zum Leben. Nach dem Judoturnier unterhielt ich mich mit der Mutter eines Judokollegens, welche uns zurueck nach Boulder mitnahm. Wir sprachen ueber die viele Jogger in den Bergen und Radrennfahrer auf der Strasse, welche einen auch bergab noch mit herheblichem Geschwindigkeitsunterschied ueberholen - das eigene Rad gibt schon nicht mehr her. Ihr Kommentar: "Don't worry, it's their profession!" Das ist ein leicht ironischer Blick, den man sich hier bewaren sollte: Auf dem Weg zum Bear Peak, wenn man sich noch beim Anstieg quaelt und die Meisten schon wieder absteigen oder wenn sie mal eben auf halber Strecke ihre Weste mit 20 Gewichten lueften muessen. Wir waren trotzdem ganz zufrieden mit uns. Erst 1.7 Miles stetiger Anstieg, dann 1.1 Miles von Stein zu Stein machen zusammen fast 700 Hoehenmeter. Dabei haben wir noch weniger rote Bluetkoerperchen als die Einheimischen. Und der Abstieg war auch nicht einfacher, schliesslich wollten die Steine wieder getroffen werden. Dabei waren schimpfende Squirrels eine nette Abwechslung.

Zum 'home coming' match der Fairview Footballmanschaft haben wir es am Freitag nicht geschafft. Mich haette auch mehr die Marching Band interessiert. Deren Show nimmt das ganze Sportfeld ein - gute Musik, tolle Percussion, nette Show. Wir koennen sie an windstillen Tagen abends proben hoeren - 4 mal pro Woche und am Wochenende Begleitung der Schulsportmanschft oder Wettbewerbe.

Judo koennte hingegen etwas mehr Zuspruch bekommen. Auf dem Turnier in Northglenn waren viele kleine Maedchen, zwei 11-12 Jaehrige und ein einsamer Teenager. Die Jungs waren etwas besser besetzt. Mimi hatte also keine passende Gegnerin. Die 11-jaehrige mit Orangegurt tat mir nur leid. Ihre Trainerin wollte nicht glauben gegen wen sie ihren Schuetzling auf die Matte schickt. Das Ergebnis waren Traenen, wie es zu erwarten war.

Herbst

Wir wurden schon gewarnt, dass der Herbst hier nur 2 Wochen dauert. Er ist nicht nur kurz, sondern kommt auch sehr frueh. In diesen letzten Septembertagen sind schon viele Baeume gelb  und wir sammeln die Blaetter von den Stufen vor unserer Wohnung. Ist man im "Boulder Open Space" unterweges so kann man die Herbststimmung nicht uebersehen. Zusammen mit dem tiefblauen Himmel ein schoenes Bild. Leider wird es abends schnell kalt. Derzeit verschwindet nicht nur die Sonne hinter dem Berg sondern auch wir in die Wohnung. Es wird hoffentlich noch wieder etwas milder in den kommenden Tagen. Dafuer haben die Praeriehunde heute morgen die Sonne sehr genossen und liessen sich etwas besser fotografieren. Mit dem Rad kann man in 1m Abstand an ihnen vorbei fahren. Wehe man bleibt stehen! Dann beginnen sie zu rennen und pfeifen und nur einige Aufpasser bleiben am Rad des Baues sitzten und geben Signale.

Am letzte Wochenende im September wurde gebacken: Pizza in geselliger Runde, immer bessere Kartoffelbroetchen und Simones recht grosse Zucchini wurden zu Brot verarbeitet. Daneben haben wir den Buchladen erkundet und waren ein wenig wandern. Es ging zum Mesa Lab.  Die Klima- und Wetterausstellung hat auch am Wochenende geoeffnet und war es ein willkommenes Ziel. Vom NCAR hat man nicht nur einen grossartigen Blick ueber die Ebene, sondern die Berge und Felsenformen sehen auch besonders toll aus. Zudem haben wir Neues ueber die Radwege erfahren, welche meistens an Baechen entlang fuehren. Sie dienen gleichzeitig als Hochwasserschutz, denn sie geben zu viel Wasser mehr Raum und verbreitern gleichzeitig die Bruecken. Die Wassermengen die im September 2013 von den Bergen kamen hatten sonst noch mehr Schaeden angerichtet. ANschliessend sind wir dem Bear Creek ein wenig gefolgt und haben uns an roten Felsen mit gelb-gruenen Flechten und sich gelb verfaerbendem Laub erfreut.

Oktober

Der goldene Oktober hat mit einem warmen Wochenende begonnen. Doch auf unsere Terasse lagen am Sonntag viele neue Blaetter. Der Ahorn wird leider nicht schoen rot sondern bewirft uns gleich mit braeunlichen Blattern. Dennoch sieht er gegen den blauen Himmel toll aus und es werden noch viele Blaetter folgen. Die meisten davon werden wir nicht mehr erleben, denn am kommenden Wochenende ziehen wir in eine kleine Haus - raus aus dem Keller. Mal sehen was uns dort erwartet. Wir fühlen uns auch im Keller sehr wohl und geniessen den Sitzplatz hinter dem Haus.

Inzwischen warten alle auf den ersten Schnee, schliesslich haette er schon im September kommen koennen. Doch geschneit hat es nur im Rocky Mountains National Park. Selbst die Viertausender am Horizont haben noch keinen weissen Ueberzug. Die Naechte werden inzwischen kalt und abends draussen zu Abend essen wird selten.

Zuckerhuete

Heute morgen, 5.10., haben die Berge der Indian Wilderness ihren ersten Zuckerüberzug, im Englischen passend 'icing'. Leider war mir nur ein kurzer Blick vergoennt, denn es wuchsen bereits neue Wolken. Für Boulder war für die Nacht eine Frostwarnung akut, doch noch ist es nicht so weit. 10 Grad um 9h, die Handschuhe mussten wir noch nicht suchen. Mal sehen, wann unsere Hausberge den ersten Schnee bekommen.

Naja, wenige Tage später hatte der Bear Peak für wenige Stunden eine kleine weisse Spitze. Die Handschuhe wurden bereits dringend benötigt, auch zwei Paar über einander. So kalt ist aber nur morgens an zwei oder drei Tagen gewesen. Sonst sind es auf dem Weg zur Schule und zum NCAR meist 4 bis 8 Grad, nachmittags aber über 20 Grad. Die kalten Nächte sind der Grund dafür, dass die Bäume inzwischen sehr viele Blätter abgeworfen haben. Eine grosse Mülltonne  wurde bereits gefüllt. Vor grossen Bäumen und mit viel Laub auf kleinen Grundstücken hat hier niemand Angst. Allerdings hat unsere neue Bleibe eine grosse Tanne vor dem Fenster stehen. Im Sommer sicher gut, jetzt ist es etwas schade um die Sonne und das Licht. Wie fühlen uns aber sehr wohl. Es ist heller, gemütlicher und wärmer als im Basement - da kann man dann auch in dicken Winterjacken aus Schnee und Eisresten im Rocky Mountains Nationalpark wandern gehen.

Unter Zombies

Nein ich spreche nicht vom Wahlkampf! Wir haben die presidential debates alle verfolgt. Manchmal wollte man nur noch wegrennen. Zum Glück war die dritte Debatte wieder ein wenig erträglicher, sonst hätte ich sie garnicht erst eingeschaltet. Ein kurzer Check in einem Kommentar deutete aber eine leicht positive Tendenz an. Inzwischen (23.10) wird bereits eifrig gewählt. Das ganze ist aufwändig, denn es müssen u.a. auch Richter und Abgeordnete gewählt werden und Volksabstimmungen stehen ebenfalls an.

Gestern (22.) haben wir den Bus nach Denver bestiegen. Als wir mittags leicht geschafft das Denver Art Museum verliessen, lohnenswert, war es ganz schön warm (fast 30 Grad). Zu warm, hungrig und plötzlich umgeben von unheimlichen Gestalten waren wir noch mehr geschafft. Ja, in Denver waren die Zombies los! Das nahende Halloween lässt Grüßen. (http://www.denverite.com/look-denver-zombie-crawl-overruns-skyline-park-20381/) Uns machte das Alles nur mittelmäßig Spaß, denn hübsch waren die Wesen nicht. Dafür fanden wir aber 'The Market'! Kein Markt aber ein Cafe, Deli, Restaurant... Mimi schwärmt noch heute von ihrem riesigen Blaubeermuffin. Mein Burrito war auch prima. Gestärkt und etwas abgekühlt - nein wir haben uns nicht in die Sonne gesetzt - konnten wir noch ein wenig den seltsamen Wesen bei ihrem Treiben zusehen. Aber wir sind dann doch etwas früher als gedacht zurück ins beschauliche Boulder gefahren.

Judo

Zum Monatsende gab es noch ein kleines Highlight, denn in Seattle fanden das Continental Judo Crown Tournament 2016 statt. Anmeldung und Registrierung waren schon kleine Abenteuer, wenn man die hiesigen Regeln nicht kennt. In dem irgendwie viel zu grossen Doubletree Hotel am Flughafen in Seattle ging dann die Suche nach den Orten zur Registrierung und Waage los. Es war alles recht durcheinander, denn gleichzeitig war auch eine grosse Animes Veranstaltung im Haus und überall traf man auf verkleidete meist junge Erwachsene. Es waren aber mehr Prinzessinnen, Zwerge oder Comicfiguren. Gut, dass wir unsere Zeit nicht zu knapp kalkuliert hatten. Beim Abendessen musste Mimi via Telefon mit ihrer Trainerin, Sherrie Wilson, ihre Startgruppe bzw -gruppen verhandeln. Das Turnier war nett und für Mimi erfolgreich. In ihrer Altersgruppe blieb sie mit 3x Ippon ungeschlagen und wurde anschliessend für das US-Team ausgewählt: "The German girl for the US team."  Ein freundschaftlicher Mannschaftwettkampf gegen Canada. Damit nicht genug, musste Mimi nachmittags noch bei den Erwachsenen antreten. Sherrie wollte, dass Mimi auch etwas lernt! Den Kampf gegen die japanische Hochschulmeisterin konnte sie nicht gewinnen, doch immerhin im letzten Kampf war sie zum 4. Mal an diesem Tag mit Uchi-Mata erfolgreich.

Wir haben diesen Ausflug mit einem Besuch in Richland bei Hui und Kai verbunden. Halloween stand Mimi mit einem aufgeregtem 3.5 jährigen Chinesen vor den Türen der Nachbarn. Sein 'Trick or treat' war immer gut zu hören. Die Einfamilienhäuser in der Nachbarschaft waren teilweise reichlich dekoriert. Mal mit grossen Spinnen, die zum Vergnügen kleiner Jungs bei Berührung aufsprangen, oder mit vielen leuchtenden Kürbissen und Strohgaben. Die Atmosphäre war nett und unbeschwert. Durch die klaren Kennzeichnung der beteiligten Bewohner via Deko vor dem Haus auch irgendwie lustiger als in HH. Einen offiziellen Anstrich bekam dieser Besuch durch meinen Vortrag am PNNL und vielen netten Gesprächen mit den Kollegen dort.

November

Das bestimmende Thema der letzten Tage sind die Wahlen am Dienstag. Nachdem die Prognose für Hillary wieder schlechter werden, mischt sich eine leicht panische Stimmung in die Diskussionen am Mittagstisch. Am Freitag wurden die Republikaner und ihrer Wähler genauer angegangen: Unterschieden wurde zwischen reichen und armen Republikanern. Gemeinsam ist ihnen, dass sie gegen Regeln und Vorgaben sind, wie z.B. Umweltgesetzte. Daher müssen die Steuern so niedrig wie möglich sein, denn dann hat der Staat kein Geld, um entsprechende Gesetzte umzusetzen. Davon profitieren die reichen Republikaner doppelt. Arme Republikaner verstehen die Zusammenhänge zu wenig, folgen einer Ideologie und wählen gegen ihre Interessen. Ideologien rund um Abtreibung, Steuern, Waffen usw führen dazu, dass zu viele Amis sich selber schaden. Leider treibt der Frust sie nun noch weiter an den politisch rechten Rand. Naja, Boulder ist ja gesellschaftlich sehr homogen, die Klosterschule ist bunter als Fairview Height, und entsprechend auch politisch sehr eindeutig. Colorado trennt sich in ein demokratisches Zentrum von Denver bis Fort Collins und in eine sehr rechte Region um Colorado Springs. Derzeit ist unklar welcher Teil am Ende die Mehrheit hat.

Nun war es da, das politische Erdbeben. Ich habe die Auszählung im Internet verfolgt und hatte bereits sehr früh am Abend meinen ersten Panikanfall. Hier scheint es vielen so zu gehen, denn seitdem ist es hier auf dem Bueroflur seltsam ruhig. Der Schock sitzt tief und man mag nicht darüber reden was kommen mag. Die Stellen hier hängen auch von der Forschungsförderung ab und gerade da sehen viele besonders schwarz. Macht der Mensch ernst mit seine Energie- und Klimapolitik, dann wird dieser Planet sehr lange unter dem kommenden US Präsidenten leiden. Hier in Boulder konnte man diesem Erdbeben nur zusehen. Die Stadt is so blau, dass man kein Gefühl für die Stimmung im Land bekommt. Colorado war einer der wenigen Staaten im Landesinneren der für die Demokraten gestimmt hat.

Unter Geologen

Die Einladung zu einem Keynotevortrag bei der Schweizer Geoscience Tagung führte mich für vier Tage nach Genf. Eine weite Reise, doch es war auch schön wieder europäischen Boden unter den Füßen zu haben. Die Gastgeber waren grossartig. Beim Abendessen mit den anderen eingeladen Sprechern und den Genfer Geologen herrschte eine Atmosphäre als wenn wir uns schon lange kennen würden. Am Abend der Tagung wurde gefeiert - mehr als bei uns. Als Dank gab es ein schweres Kästchen mit Phillippe Pascoet Pralinen. Davon zehren wir noch immer.  

Mimi war die Tage bei einer deutsch-amerikanischen Familie zu Gast, also doch noch ein wenig Austauschstimmung. Es wurden Croissants gebacken, grosse Mandelpakete gekauft, gespielt und zur Schule und zum Judo ging es natürlich auch. Das wichtigste Ereignis waren die ersten Schneeflocken. Sie reichten für 2 cm.

Auf meinem Rückflug von Genf folgte Luis mir mit drei Stunden Abstand. Mimi hat ihn vom Flughafen abgeholt. SO haben wir den wichtigsten Feiertag des Landes als Familie mit Truthahn, Gravy, Kartoffelbrei, Grünkohl im Kreis von 11 Personen begangen. Der Wein zum Essen beflügelte das anschiessende Spiel und machte daraus fast eine politisches Ereignis. Der Ausgang der Wahlen lud zu viel Spott ein.

Dezember

Nun hat unser letzter Monat begonnen und die Zeit vergeht immer schneller. Es wird immer kälter, wodurch Ausflüge schwieriger werden. Zum Wandern geht es nur noch an den Fuss der Flatirons. Vielleicht sollte man es besser Spaziergänge nennen. Die Landschaft hat sch auch verändert. Das bunte Herbstlaub blieb durch das milde Wetter sehr lange an den Bäumen. Inzwischen sind aber alle Bäume kahl und die Wiesen tief braun. Rund um die Höhlen der Präriehunde ist alles Gras verschwunden. Es war so trocken, dass die Tiere die letzten grünen Reste schnell vertilgt haben.

Heute Nacht hat es endlich richtig geschneit - 20 cm. Der Schnee ist leicht wie Federn, so wie der berühmte Puder von Colorado sein sollte. So macht Schneeräumen richtig Spass! Kein schweres wuchten das Schnees sonder ein leichtes und schnelles zur Seite schieben. Morgen soll es richtig kalt werde. Bis zu -20 C sind angesagt. Mal sehen wie gut die Vorhersage ist, denn vielfach ist sie doch recht wackelig. Wir haben Kälte und Schnee mit Glühwein und Linsensuppe begrüßt. Die traditionelle Feuerzangenbowle war nicht möglich. Dafür war es ein interessanter Abend mit Gesprächen zu amerikanischen Regionen, Dialekten und Gewohnheiten.